Kleines Schmankerl exklusiv für alle Durst-Benning-Fans: Eine Buch-Szene, die nie im Buch erschien ...

Olga von Württemberg und König Ludwig II. ...

„... Das Turmzimmer von Schloss Neuschwanstein war mit Hunderten von Kerzen beleuchtet. Zwischen den Speiseplatten auf dem Tisch, auf allen Simsen, Säulen und Mauervorsprüngen, auf der riesigen eichenen Anrichte, und selbst auf dem Boden standen brennende Kerzen. Anstatt heimeliges Licht zu verbreiten, spukten die vielen Lichtquellen wie gleisende Geister die steinernen Wände entlang und taten Olly in den Augen weh.
„Rohe Speisen haben etwas so urtümliches, finden Sie nicht, liebe Olga?" Lächelnd reichte der Bayernkönig Olly eine Platte mit in dünne Streifen geschnittenem Fleisch. Im Kerzenlicht erinnerte es Olly an eine riesige blutende Wunde. Schon spürte sie, wie Übelkeit in ihr aufstieg.
„Ich weiß nicht. Wir in Stuttgart pflegen Speisen eher gekocht zu uns zu nehmen", antwortete sie. Um nicht ganz unhöflich zu erscheinen, hob sie mit der Serviergabel ein paar der Radieschen, mit denen das rohe Fleisch angerichtet worden war, auf ihren Teller. Durch die Bewegung ihrer Arme flackernden die Kerzen auf dem Tisch noch heftiger. Olly kniff angestrengt die Augen zusammen, während sich in ihrem Hinterkopf eine Migräne ausbreitete.
In den letzten Wochen im Friedrichshafener Schloss hatte sie sich so herrlich erholt! Keine Migräne, keine Müdigkeit, nur Lebendigkeit und Lebenslust hatte sie verspürt. Iwan Bariatinsky, der sich zur selben Zeit am Bodensee aufhielt und in einem nahegelegenen Hotel wohnte, hatte sie fast täglich besucht, die gemeinsamen Stunden waren ein Geschenk für sie beide gewesen. Als Evelyn, inzwischen wieder von ihrer Erkältung gesundet, in einem Brief anfragte, ob ihre Anwesenheit am Bodensee gewünscht wäre, hatte Olly eilig zurückgeschrieben, Evelyn solle bitte in Stuttgart bleiben und dort nach dem Rechten sehen. Auch galt es, die Rückkehr von Wera und ihrer Familie aus Schlesien vorzubereiten.
Eines schönen Morgens stand schließlich die Trennung an: Iwan sollte nach St. Petersburg reisen, wohin der Zar ihn zitierte, und Olly wollte sich bei noch immer bestem Herbstwetter auf den Weg nach Bayern machen. Doch schon Anfang des kommenden Jahres wollten sie sich wieder treffen, dann in der Schweiz, von daher verabschiedeten sie sich mit leichtem Herzen und ohne größeren Wehmut.
Voller Vorfreude auf ein rauschendes Fest war Olly schließlich am frühen Nachmittag auf Schloss Neuschwanstein eingetroffen. Sogleich hatte man ihr ein schönes Zimmer mit einem herrlichen Blick auf die bayerische Berglandschaft gegeben. Ein Dienstmädchen hatte ihr mit tiefem Knicks eine handgeschriebene Nachricht überreicht: „Souper mit Ludwig, acht Uhr abends, Turmzimmer", hatte darauf gestanden. Ob die andern Gäste ebenfalls eine solch formlose Art der Einladung bekamen?, hatte Olly sich gewundert. Oder war dieses „Souper mit Ludwig" nur für eine Handvoll auserwählter Gäste gedacht, während der große Rest sich gleich in einem der Ballsäle traf?
Punkt acht war dasselbe Dienstmädchen wie zuvor erneut in ihrem Zimmer erschienen, um sie ins Turmzimmer zu geleiten. Ollys voluminöses Ballkleid hatte den ganzen Wandelgang des Turmes ausgefüllt, über die Bahnen ihres Rockes hinweg konnte sie kaum die einzelnen Stufen sehen. Was für eine Zumutung! Gab es im ganzen Schloss keinen geeigneteren Raum für einen Empfang?
Um Luft ringend und mit zitternden Knien war sie schließlich oben angekommen und hatte sogleich den nächsten Schock erhalten: Sie war der einzige Gast an diesem Abend! Außer Ludwig war nur ein halbes Dutzend Diener anwesend. Wie Götzen standen sie reglos um die runden Turmmauern herum verteilt.
Auf was hatte sie sich bloß eingelassen, ärgerte sich Olly, während sie auf einem Radieschen kaute.
„Das ist ja das Übel! Erkennen Sie denn nicht unsere Verderbtheit? Unsere Lasterhaftigkeit und völlige Entfremdung von allem natürlichen?", rief Ludwig exaltiert und sein aufgeschwemmtes Gesicht, in dem noch Spuren alter Schönheit zu erkennen waren, verzog sich zu einer wilden Grimasse. „Als es noch kein Feuer gab, mussten unsere Vorfahren Fleisch und Fisch roh essen. Und in so mancher Hütte da draußen, da draußen!" Er fuchtelte mit seiner rechten Hand wild in Richtung eines der Turmfenster. „... hält es so manch einer meiner Untertanen noch genauso halten. Warum nicht einmal essen wie die einfachen Leut‘? Wer sind wir, dass wir uns für etwas Besseres halten?" Schon winkte er einem der sechs Diener zu, die nächste Flasche Champagner zu öffnen. Die dritte, seit sie sich zum „Essen" niedergesetzt hatten. Unwillkürlich lachte Olly auf. Sie hatte ja schon viel Blödsinn in ihrem Leben gehört, aber Ludwigs Ansichten übertrafen alles.
„Bitte entschuldigen Sie, lieber Ludwig, aber was soll an einem gut gekochten Essen lasterhaft sein? Es müssen ja nicht immer zwölfgängige Menüs sein. Ich für meinen Teil hätte nach der langen Reise auch eine einfache, heiße Suppe sehr zu goutieren gewusst!" Noch während sie sprach, schob sie ihren Teller von sich. Genug der Höflichkeiten, sie hatte die Nase gestrichen voll von dem Verrückten, der sich ihr „Gastgeber" schimpfte. Mit äußerster Beherrschung faltete sie ihre Serviette neben ihrem Teller zusammen anstatt sie einfach auf den Tisch zu werfen, wonach ihr viel eher zumute gewesen wäre.
„Sie wollen gehen?", sagte Ludwig und packte sie am rechten Handgelenk.
Mit einer Drehung entwand sich Olly seinem Griff. „Ich bin müde", sagte sie ohne weitere Erklärung.
„Aber verehrte Königin ... Ich ... Bitte, Sie dürfen nicht gehen."
Die Stimme des Bayernkönigs hatte einen weinerlichen Unterton angenommen, der Olly sehr an Karl erinnerte. Sie verdrehte im Geist die Augen.
„Seit einer halben Ewigkeit sehne ich mich danach, Sie kennenzulernen. Ja, ich verzehre mich nach Ihnen!", rief Ludwig und warf sich vor Olly auf den Boden. „Ich weiß, welche Bindung einst zwischen Ihnen und meinem Vater bestand. Wenn ich mir vorstelle, dass Sie fast meine Mutter geworden wären ... Sie, eine russische Großfürstin. Eine Zarentochter! Eine Frau von höchstem Rang und einer noch höheren Schönheit. Göttinnen gleich, das sind Sie, liebste Olga, ich verehre Sie so sehr ..."
Entsetzt starrte Olly auf Ludwig, der hektisch ihre Schuhe küsste.
„Stattdessen hat sich mein Vater für dieses Preußenweib entschieden. Für diese Gebärmaschine, die sich meine Mutter nennt!"
Olly glaubte nicht richtig zu hören. „Wie reden Sie denn von Ihrer Mutter? Ich ..." Hilflos rang sie nach Worten und einer Möglichkeit, der schrecklichen Situation zu entkommen.
„Aber es ist doch wahr, keiner in meiner Familie hat Verständnis für mich. Überhaupt sind die meisten Menschen nichts als dumm und gemein, meine Familie und meine Untertanen ganz besonders! Alle haben sie es auf mich abgesehen", heulte Ludwig. „Sie jedoch, Sie verstehen mich, das spüre ich, da drinnen spüre ich das!" Er klopfte sich mit seiner rechten Hand mit dumpfen Schlagen auf seine Brust. „Ihr Ehemann Karl ..."
„Ja?", sagte Olly geschraubt. Karl und Ludwig - die beiden hatten doch hoffentlich nichts miteinander zu schaffen?
Zu ihrer Erleichterung ließ Ludwig endlich von ihren Schuhen ab.
„Ihr Mann kann sich glücklich schätzen, eine so verständnisvolle Frau wie Sie an seiner Seite zu haben. Er kann sich entfalten, in jeglicher Art! Man redet viel über die interessanten Persönlichkeiten, die sich am Stuttgarter Hof im Kreis des Königs einfinden. Hellsehende Menschen, Geistheiler, sogar von einem amerikanischen Homöopathen und von spiritistischen Sitzungen ist die Rede! Und dann die interessanten Männerfreundschaften, die der württembergische König pflegt! Wohingegen ich nur von Langweilern umgeben bin. Die mir alles übelnehmen. Vor allem die Freundschaft zu meinem lieben Josef. Kennen Sie Josef Kainz, den berühmten Burgschauspieler?"
Olly schüttelte verneinend den Kopf, während sie sehnsüchtig in Richtung Tür schaute.
„Er ist ein Traum von einem Mann." Des Königs Mund verzog sich zu einem weinerlichen Lächeln. „Aber psssst!" Mit aufgerissenen Augen hielt er sich den rechten Zeigefinger vor den Mund. „Das darf ich ja nicht laut sagen. Heimlich müssen wir uns lieben, heimlich!"
Das ... durfte doch alles nicht wahr sein. Sie war in einem Alptraum gelandet. Warum nur hatte sie niemand vor diesem Mann gewarnt? Dass sein Geist derart entrückt ist, hätte sich doch längst herumsprechen müssen!
„Ich möchte das alles nicht hören. Es ist wirklich besser, wenn ich jetzt gehe. Vielen Dank für die Einladung -" Sie kam nicht dazu, ihren Satz zu Ende zu sprechen, denn Ludwig unterbrach sie einfach.
„Dass ein König lieber mit dem einfachen Volk verkehrt als unter seinesgleichen. Dass ein Mann einen Mann liebt. Dass man Speisen roh verzehrt und nicht gekocht. Wer bestimmt, was richtig ist und was falsch? Bin ich nicht der König? Habe ich nicht das Sagen?"
„Aber natürlich haben Sie das Sagen, Eure Hoheit!", antwortete Olly und huschte so schnell an ihm vorbei, dass er sie nicht mehr aufhalten konnte.
Ihren Rock rücksichtslos über dem Knie zusammengerafft, stolperte sie die Hunderte von Stufen hinab. Jetzt bloß kein Bein brechen, das fehlte noch!
Endlich erreichte sie ihr Zimmer, wo ihre Zofe erstaunt war, sie so früh zu sehen. Ohne Erklärungen abzugeben, ließ Olly sich auskleiden. Kaum lag sie in ihr Nachthemd gekleidet im Bett, erschien vor ihrem inneren Auge erneut das kerzenbeleuchtete Turmzimmer samt Ludwig und seinem alkoholgetränktem Blick. Ein gruselnder Schauer fuhr ihren Rücken hinab.
Da hatte sie immer geglaubt, ihr Karl wäre ein seltsamer Kauz mit seltsamen Vorlieben.
Sie schnaubte leicht hysterisch. Gegen den Bayernkönig war ihr Gatte wirklich ein Musterknabe! Karl wusste sich Gott sei Dank in der Öffentlichkeit und ihr gegenüber zu benehmen. Nie würde er so despektierlich von seiner Mutter reden. Oder von seinen Untertanen. Auch ihr gegenüber hatte er seine Launen fast vollständig abgelegt. Sie waren gute Freunde geworden, welches alte Ehepaar konnte das von sich behaupten? Von ihr aus durfte Karl sich gern bei Séancen vergnügen! Alles war besser als dass er auf solch bizarre Ideen kam wie der Bayernkönig.
Auf einmal verspürte sie fast so etwas wie Sehnsucht nach dem Mann, mit dem sie seit über fünfundzwanzig Jahren verheiratet war. Oder war es Sehnsucht nach Stuttgart? Dieses Mal war sie zu lange weggewesen.
Es war höchste Zeit, heimzufahren.
Gleich morgen früh würde sie aufbrechen. Das Morgenmahl würde sie ausfallen lassen, auch wenn ihr Magen jetzt schon vor lauter Hunger laut protestierte. Wahrscheinlich würde es sowieso nur rohe Eier und einen Apfel geben. Sie lachte leise auf.
Wenn sie Karl und Evelyn von diesem Abend erzählte! Der Gedanke an deren verdutzte Gesichter heiterte sie endlich wieder auf.
Als es sachte an ihrer Tür klopfte, dachte sie an nichts Böses. Ein besorgtes Zimmermädchen, das ihr eine letzte Tasse heiße Milch brachte. Oder auf Ludwigs Geheiß doch noch eine heiße Suppe.
Es war ihre Zofe, die mit entsetztem Gesicht in der Tür stand. Sie hielt eine Depesche in die Höhe. Schon von Weitem erkannte Olly das königliche württembergische Siegel.
„Eure Hoheit, Nachrichten aus Stuttgart. In Schlesien ist ... Es ist etwas Schreckliches geschehen ..."

Anmerkungen:

  • Olly besuchte Ludwig II im Sommer 1876 in seiner Münchner Residenz, laut ihrer eigenen Aussage fand sie sein Verhalten sehr befremdend.
  • Die Szene wurde von mir bei der Bearbeitung aus dem Manuskript entfernt, weil sie die Geschichte eher lähmte als vorantrieb.

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